Das Projekt wurde gefördert durch ein Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

ARTIST AVATAR

In den Zeiten der Pandemie hat sich die Darstellende Kunst mehr und mehr in den virtuellen Raum verlagert. Ich möchte, in Kooperation mit Dorle Ferber und Evelina Winkler, erforschen wie es sich auf die Künstler_Innen auswirkt, dass sie auf einmal nur noch als Digitale-Avatare mit ihremPublikum in Kontakt treten dürfen.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich in der Performance und Tanzkunst aus diesem Zustand?

Hier gehts zu den Interviews mit KünstlerInnen, welche ihre Erfahrungen mit der virtuellen Präsentation ihrer Werke teilen.

Dorle Ferber, frei schaffende Musikerin, Stimm-und Klangkünstlerin

Nach dem Musikstudium in Mannheim spielte sie live und im Studio mit verschiedenen Gruppen, u.a.mit Zyma, Zauberfinger, Cochise. Die letzten Jahre ist sie vor allem mit ihrem Solo-Programm unterwegs, kooperiert für viele Einzelpropjekte und spielt im Duo mit dem Kontrabassist Kolja Legde. Sie arbeitet sowohl interdisziplinär als auch über kulturelle und stilistische Grenzen hinweg. In ihre Arbeit fließt die Beschäftigung mit außereuropäischer Gesangskulturen, die Phonetiken anderer Sprachen, Stimmqualitäten und Lautpoesie ein. Sie vertont eigene und fremde Texte, komponiert für Tanz, Theaterprojekte, Performance. Zudem gestaltet sie soziale Musikprojekte mit besonderem Fokus auf Stimme- an Schulen, Hochschulen und freien Kultureinrichtungen.

www.dorle-ferber.de

Mitwirkende Künstlerinnen

Evelina Winkler ist freiberufliche Filmemacherin und Fotografin aus Mannheim. Nach ihrem Studium der Medien- und Kulturwissenschaften in Düsseldorf, arbeitete sie in Filmproduktionen, im Videojournalismus und für die Deutsche Welle in Bolivien. Dabei hat sie sich insbesondere dem Dokumentarfilm verschrieben.

In ihren Arbeiten spielen feministische Perspektiven, Alltagswiderstand ("everyday resistance") und Themen rund um Stadt und Migration eine wichtige Rolle. Momentan arbeitet sie als Autorin und Regisseurin an dem Dokumentarfilm „SUPERBOHATERKI*Superheldinnen“ (80min), der Akten des Widerstands und neue Selbstentwürfe von Frausein unter einer nationalkonservativen Regierung im heutigen Polen folgt. Schon vor dem Lock-down bedingten Theater Streaming war sie als Regisseurin, Kamerafrau und Editing für Produktions Dokus im Bereich Performance engagiert.

Miriam Markl, freiberufliche Tänzerin und Choreographin

Ein großes Anliegen von Miriam ist es, mit ihrer künstlerischen Arbeit, Menschen für zeitgenössische
Performance Kunst zu begeistern die sonst nur wenig Berührungspunkte damit haben. Dabei forscht sie an der
Schnittstelle zwischen Alltag und Kunst und sammelte u.a. Erfahrung in Straßenperformances in Deutschland,
Italien und der Schweiz und zeigte eigene Stücke auf öffentlichen Partys in Berlin und Mannheim. Zudem erprobte sie in der Pandemie virtuelle, interaktive Performancekonzepte in der Serie Kunst als alltägliche Begegnung.

 
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Michael Kiedaisch

Hast du während der Pandemie eines deiner Werke online präsentiert?

Ja. Sowohl mit www.jazzamschoenberg.de als auch mit https://open-music.eu haben wir Stücke im Spannungsfeld Improvisation-Komposition produziert. Ausserdem war ich bei Live-Stream Konzerten beteiligt. Eine eher unbefriedigende Erfahrung, da der Kontakt zum Publikum fehlt und man auch nicht weiß, ob überhaupt jemand zuhört/zuschaut…

Nutzt du Social-Media um deine Werke zu präsentieren? Wenn ja, wie?

Nein. Ich selbst nutze nur direkte, persönliche Infomails oder Newsletter. Open Music ist bei Facebook präsent.

Wenn ja, welches Erfahrungen hast du gemacht? Was waren die Vor- und Nachteile der virtuellen Präsentation? Welche Tipps würdest du anderen KünstlerInnen geben?

S.o. Die virtuelle Präsentation widerspricht vollkommen meinem Verständnis von Musik. Keine technisch noch so gut gemachte Präsentation kann das Live-Erleben von Musik und das Feedback eines Publikums ersetzen. Allenfalls die Möglichkeit der Produktion von Aufnahmen war für mich befriedigend. Das ist aber nichts neues, war vor Corona auch schon so. Die Überfülle der virtuellen Präsentationen der letzten Monate war kein Ersatz für Live-Konzerte! Musik muß live stattfinden können!!!

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Photo by Alexander Ehhalt
Edan Gorlicki
 

Hast du während der Pandemie eines deiner Werke online präsentiert?

Ja, das habe ich. Nur ein Stück, es heißt "Impact" und sollte vier Tage nach Beginn des Lockdowns Premiere haben.
Rückblickend würde ich das nie wieder machen, weil es nicht meine Arbeit ist. Meine Arbeit soll live sein und lässt sich nicht in ein virtuelles Format übersetzen.
Trotzdem habe ich einige Ideen, wie ich meine Arbeit in ein virtuelles Format übersetzen kann. Derzeit plane ich ein Hybrid-Format im November.


Gab es ein positives Beispiel für eine virtuelle Präsentation, das du als Zuschauer erlebt hast?
Es gab ein Beispiel für eine virtuelle Präsentation, die mir sehr gut gefallen hat. Weil sie die Vorteile des digitalen Raums genutzt haben.
Es war eine Firma aus den Niederlanden, die mit einer neuen Website aufwartete. Diese Website war eine Imitation eines Theaters und man konnte herumwandern, die Bar, die Bühne usw. besuchen. Außerdem konnte man online mit anderen Besuchern interagieren.

 

Wenn ja, welches Erfahrungen hast du gemacht? Was waren die Vor- und Nachteile der virtuellen Präsentation? Welche Tipps würdest du anderen KünstlerInnen geben?

Ich würde anderen Künstlern empfehlen, sich über den virtuellen Raum zu informieren, da es ein Bereich ist, über den man nichts weiß. Versuchen Sie, so viel darüber zu lernen, wie Sie können.

Engagieren Sie nicht einfach jemanden, der das technische Know-how hat, um Ihre Arbeit online zu präsentieren. Arbeiten Sie von Anfang an mit jemandem zusammen, der weiß, wie man es macht. So dass diese Person von Anfang bis Ende Teil Ihres kreativen Prozesses wird.

Betrachten Sie den virtuellen Raum als ein eigenes Universum. Betrachten Sie den virtuellen Raum nicht als irgendeinen anderen Raum.


 

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Delphina Parenti

Hast du während der Pandemie eines deiner Werke online präsentiert?

Ja

Nutzt du Social-Media um deine Werke zu präsentieren? Wenn ja, wie?

Nicht wirklich, mit Ausnahme von kurzen Clips und Improvisationen auf Instagram. Oder, wenn ich eine bevorstehende Aufführung habe, poste ich etwas darüber!

Wenn ja, welches Erfahrungen hast du gemacht? Was waren die Vor- und Nachteile der virtuellen Präsentation? Welche Tipps würdest du anderen KünstlerInnen geben?

Für mich persönlich fühlt es sich oft nervig an, dass ich mich selbst bewerben muss und Zeit damit verbringe, Leute für das, was ich tue, über soziale Medien zu interessieren. Vor allem, weil man die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Leute so schnell einfangen und etwas posten muss, das vielleicht auffälliger und weniger subtil ist, als das, worum es bei der eigenen Arbeit eigentlich geht.
Aber ich denke, es ist eines dieser Dinge, die sich letztendlich auszahlen können, wenn man ein wenig Arbeit hineinsteckt und einen Weg findet, es für sich selbst lustig/interessant zu machen!

Was das Erstellen virtueller Inhalte angeht, finde ich es viel herausfordernder als Live-Präsentationen, und es hat mich irgendwie dazu gezwungen, meine Erzählperspektive zu ändern, was ich eigentlich sehr cool finde und was mich als Künstlerin vorangebracht hat. Es war sehr aufregend, auf diese Weise zu arbeiten, und für die Darsteller, vor einer Kamera arbeiten zu müssen, aber die Reise in verschiedene Umgebungen zu gehen, um dort zu drehen, ist auch sehr aufregend im Vergleich zur Bühnenumgebung, und es eröffnet mehr Visionen, Bilder und Möglichkeiten, wenn man einmal dort ist.

Die Sache ist die, dass man nicht diesen Energieaustausch mit dem Publikum hat, den man auf einer Theaterbühne oder in einem ortsspezifischen Raum erfährt. Und ich musste lernen, wirklich geduldig zu sein mit der Zeit, die man für den Schnitt braucht, und für die Nachbearbeitung, je nachdem, wie wir von einer Szene in die nächste übergehen.

Ich habe auch gelernt, auf kleine Details zu achten, die ich auf der Bühne nicht unbedingt bemerken würde, wie zum Beispiel BH-Träger, die in Nahaufnahmen auf der Kamera zu sehen sind!

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Bild von Alex Lackmann
Wayne Götz

Hast du während der Pandemie eines deiner Werke online präsentiert?

Ja 😉.

Nutzt du Social-Media um deine Werke zu präsentieren? Wenn ja, wie?

Ich nutze Social-Media vorwiegend Instagram und Facebook um auf meine Arbeit aufmerksam zu machen. Dazu verwende ich schlicht Storys und Posts. Die Mittel IGTV und Reels benutze ich seltener. 2020 habe ich aber u.a. mittels IGTV für mein Stück You Mean It eine Premiere realisiert.

Aufgrund der Pandemie hat sich meine Perspektive auf diese Medien weiterentwickelt. Beispielsweise habe ich mit meinem Stück BEE ME eine „Handy"-Version gedreht. Hierzu wurde das Straßentheaterstück in einem Greenscreen Studio aufgenommen und die theatrale Arbeit durch filmische Elemente erweitert. Grundsätzlich habe ich ein großes Interesse an digitalem Theater und konnte durch die Pandemie die Möglichkeiten dieser Medien untersuchen und freue mich in diesem Feld weiterzuarbeiten.

Im besten Fall gelingt es mir mit meinem digitalen Inhalt Menschen zu inspirieren.

Wenn ja, welches Erfahrungen hast du gemacht? Was waren die Vor- und Nachteile der virtuellen Präsentation? Welche Tipps würdest du anderen KünstlerInnen geben?

Nun, also wie gesagt, forsche ich noch an den Möglichkeiten, konnte einiges ausprobieren, mache das weiterhin und genieße die Herausforderungen dieses Feldes. Persönlich denke ich, dass eine große Herausforderung darin besteht, dass man die Medien als neues künstlerisches Mittel begreift. In gewisser Weise fängt man wieder von neuem an, kann die Erzählweisen, die Möglichkeiten und die Herausforderungen wieder ganz neu entdecken. Mit anderen Worten denke ich, dass man in diesen Medien eine neue Form der jeweiligen Disziplin entdecken kann. Vom Straßentheater, über Tanz zur Performance übersetzen sich diese Präsentationsweisen ganz unterschiedlich in den digitalen Raum. Dinge, die sich im gleichen physischen Raum einfach, spielerisch umsetzen, finden im digitalen Raum keinen Platz, gleichzeitig wird Unmögliches für die Bühne eine Leichtigkeit im Digitalen. Zusammengefasst, würde ich sagen, sollte man die Präsentationen im Digitalen als eigene Realität betrachten und diesen Bereich als neuen und anderen Raum begreifen. Das hat mir persönlich sehr geholfen, um lustvoll die künstlerische Arbeit im Rahmen der Pandemie weiter fortzusetzen.

Auf die Frage nach Tipps würde ich sagen, keine Angst haben und voller Freude auch das lustvolle Scheitern zulassen 😉. Wir alle entwickeln und entfalten uns in diesem Bereich neu. Die Werkzeuge, die man für qualitatives Arbeiten benötigt, werden günstiger, sodass die Möglichkeiten vielfältig bleiben.

Abschließend möchte ich aber gerne feststellen, dass für mich persönlich der digitale Raum kein Ersatz für die Begegnung im realen Raum ist, sondern nur eine schöne Erweiterung, um den Genuss von kreativen Arbeiten auch in einer Bahnfahrt auf dem Handy zu ermöglichen.